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Bestattung und Nachruf für Pfr. Volker Sauermann

Nürnberg, 5.5.17

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Unser Nachruf auf Pfr. i.R. Volker Sauermann zu seiner Bestattung am 4.5.2017 im Gottesdienst um 11:30 Uhr:

Kirchenrätin Cornelia Wolf:

Liebe Heidi, sehr geehrte Trauergemeinde,

Im Namen der Gehörlosengemeinden in Bayern und der gebärdensprachlichen Kirchengemeinde möchte ich dir, liebe Heidi und Ihnen, der Familie von Volker Sauermann, unser tiefes Mitgefühl und Beileid ausdrücken. Mit Pfarrer Volker Sauermann fehlt uns in unserer Gehörlosengemeinschaft ein bedeutender Mensch. Er war wichtig für uns Mitarbeiter in der Geschäftsstelle, für uns bayernweiten Kollegen und für sehr viele gehörlose Menschen in den Gehörlosengemeinden in ganz Bayern.

Volker Sauermann hat die Gehörlosengemeinden in Bayern geprägt wie kein anderer und zu dem gemacht, was sie heute sind: lebendige Gemeinden. Der Aufbau der Gehörlosenseelsorge in Bayern war sein Lebenswerk und in diesem Jahr konnte er noch einen großen Erfolg seiner Arbeit erleben – die Anerkennung der Gehörlosengemeinde zur Kirchengemeinde.

Sein Lebenswerk begann 1964 mit einem kleinen Ausbildungskurs in Bayreuth. Seit dieser Zeit ließ ihn die Welt der Gehörlosen nicht mehr los. 1964 – 1966 war er verantwortlich für die Gehörlosengemeinde in Landshut. Mit dem Zusatzstudium der Gehörlosenpädagogik in München 1975 bekam er eine fundierte Ausbildung und knüpfte wichtige Kontakte zu Mitarbeitern des Lehrstuhls. Wichtig war für ihn das anschließende Praktikum in der Züricher Gehörlosengemeinde mit dem Gehörlosenpfarrer Kolb. Bei einem unserer letzten Gespräche sagte Volker Sauermann zu mir, dass er dort zum ersten Mal gesehen habe, wie eine aktive Gehörlosengemeinde funktionieren könne. Diese Vorstellung nahm er auch mit nach Nürnberg. Ab 1975 war er Landeskirchlicher Beauftragter für die Gehörlosenseelsorge in Bayern, erst mit einem Stellenanteil, dann ab 1982 bis zu seinem Ruhestand 2000 mit einer ganzen Stelle.

Volker Sauermann hat sich über die Maßen engagiert für die Arbeit mit gehörlosen Menschen. Die Arbeit in der Gehörlosengemeinde war – so hast du mir erzählt, liebe Heidi - seine Lebensaufgabe. Und sein Engagement hat deutliche Spuren hinterlassen. Unter seiner Leitung ist die bayerische Gehörlosenseelsorge gewachsen und die Nürnberger Gemeinde aufgeblüht.

Aus der ursprünglich vorgefundenen kleinen Gruppe in Nürnberg wurde eine lebendige Gemeinde, die in ihrem damaligen Gemeindehaus in Eibach alles anbot, was in einer hörenden Gemeinde zu finden ist. Und darüber hinaus sogar noch etwas mehr: eine starke Solidarität und Verbundenheit untereinander. Pfarrer Sauermann hat dies erkannt, gefördert und geleitet.

Sein Engagement war enorm: Volker Sauermann organisierte die Ausbildung für hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche im Bereich der Gehörlosenarbeit. Er war Ende der 70er Jahre an der Einführung des Schwerbehindertenausweises für Gehörlose beteiligt Und mit seiner Unterstützung wurde ab 1988 in der Klinik am Europakanal eine Station für psychisch kranke Gehörlose aufgebaut. Eins seiner Herzstücke! Er arbeitete damals eng zusammen mit der später dort zuständigen leitenden Ärztin Dr. Inge Richter. Er kümmerte sich um eine fundierte Ausbildung der Mitarbeiter dort. Er sorgte dafür, dass eine halbe Seelsorge-Stelle für diese Abteilung zur Verfügung stand. Und diese ist bis heute ungemein wichtig für Patienten und für Mitarbeiter. Er kümmerte sich gemeinsam mit anderen Mitstreitern um ein sinnvolles Nachsorgekonzept für die Patienten dort. Die Abteilung für psychisch Kranke ist im süddeutschen Raum einmalig und letztendlich bis heute die einzige Möglichkeit für Gehörlose barrierefrei Hilfe bei psychischen Problemen zu bekommen.

Er arbeitete deutschlandweit und international in verschiedenen Gremien mit. Er schreckte auch nicht vor schweren Themen zurück. Einfühlsam begleitete er Menschen, die im 3. Reich wegen ihrer Gehörlosigkeit zwangssterilisiert wurden und arbeitete wissenschaftlich dieses dunkle Kapitel auf. Er sah die soziale Not vieler gehörloser Menschen. So baute er eine gebärdensprachliche Sozialberatung auf – bis heute eine wichtige Anlaufstelle für gehörlose Menschen im Großraum Nürnberg. In der Öffentlichkeit, bei Politikern, bei der Kirchenleitung und Persönlichkeiten der Gesellschaft setzte er sich mit großer Vehemenz für die Belange der gehörlosen Menschen ein, sensibilisierte für deren Probleme und warb für Barrierefreiheit – noch bevor es diesen Begriff gab.

Neben all dem war er auch noch Seelsorger. Dies war ihm sehr wichtig. Er nahm sich Zeit für Gespräche und begleitete viele Menschen an wichtigen Lebensabschnitten. In persönlichen Gesprächen haben mir viele Gehörlose erzählt, wie wichtig und bedeutsam Pfarrer Sauermanns Einsatz für deren Leben gewesen ist. Wichtig war ihm, nahe dran zu sein am Menschen, ihn zu verstehen und die frohe Botschaft so zu verkündigen, dass sie verstanden werden kann.

Absolut verdient bekam er in den 90er Jahren auch das Bundesverdienstkreuz für sein großes Engagement verliehen.

Wir Mitarbeiter der Gehörlosenseelsorge und der Gebärdensprachlichen Kirchengemeinde sind ihm unendlich dankbar für seinen aufopferungsvollen Dienst.  Wir trauern um einen starken Mann, ein Vorbild, ein Wegbereiter. Und wir vertrauen darauf, dass Volker Sauermann nun geborgen bei seinem Gott ist. 

Kirchenrat Matthias Derrer:

Auch im Verein JSB – Jugend Soziales und Bildung e.V. sind wir Volker Sauermann sehr dankbar und nehmen uns das, womit er mutig voran gegangen ist als Vorbild. Ursprünglich nur als Trägerverein für die Anstellung eines gehörlosen Schreiners aus Eritrea gedacht, hat Volker Sauermann einen wichtigen Verein gegründet. Ohne diesen Verein wäre heute die gesamte gebärdensprachliche Arbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern nicht in dieser ausgeprägten Form möglich, denn die Hälfte aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist über diesen Verein angestellt. 12 Menschen können deshalb auf einer soliden Basis selbstständig und selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt bestreiten. Allerdings niemals als Almosen, sondern weil die Kompetenz der Mitarbeiter gerade in Verbindung mit Gebärdensprache eine Stärke ist, die auf dem 1. Arbeitsmarkt nicht ausreichend geschätzt wird, in unserem Haus aber kommunikative Voraussetzung ist.

So sah Volker Sauermann das z.B. auch beim gebärdensprachlichen Kindergarten, dem „Kinderpark“, einem Projekt, das 1999 den Bundespreis der Diakonie und der Caritas für eines der 10 innovativsten kirchlichen Projekte erhielt und die Einführung der Gebärdensprache als anerkannte Sprache in Schule und Kindergarten.

Volker Sauermann hat diese vorhandenen Kompetenzen wahrgenommen und damit begonnen, nicht die Frage nach dem Geld in den Vordergrund zu stellen. Ihm war wichtig, zuerst die Aufgabe wahrzunehmen, die sich stellt, um dann auf verschiedenen Wegen verantwortlich danach zu suchen, wie man solche wichtigen Aufgaben finanzieren kann. Er hat Mut bewiesen, schon damals anders zu denken und hat fortschrittlich und engagiert in die Zukunft gedacht, denn dass in der Gebärdensprachlichen Kirchengemeinde in Bayern über 50% aller Mitarbeiter selbst gehörlos ist, bleibt eine Stärke, die Deutschlandweit einzigartig ist; Volker Sauermanns Verdienst. Er hat sich deshalb auch auf diesem Weg stark gemacht, dass gehörlose Menschen auf Augenhöhe und gleichberechtigt ihre Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen können. Mit dieser starken gebärdensprachlichen Basis gemeinsam hat Volker Sauermann im Namen des Vereins JSB viel Projekte realisiert, um die Gehörlosen-Jugend zu fördern, um gehörlosen Menschen Bildung zu geben und sie in Notlagen sozial zu unterstützen. Alle diese Aufgaben führt der Verein JSB e.V. als Erbe von Volker Sauermann heute fort. Ich weiß, dass er sich darüber gefreut hat, was aus seinem Baby, dem JSB geworden ist.

Wir danken Volker Sauermann, dass er Wege gegangen ist, die es vorher noch nicht gegeben hat, dass er mutig nach Alternativen gesucht hat, dass er nicht nur ganz allgemein, sondern in vielen Einzelfällen Not gesehen und Hilfe gegeben hat. Immer wieder hat er sich stark engagiert, hat gebärdensprachliche Menschen nicht allein gelassen, sondern gemeinsam mit ihnen Lösungen entwickelt.

Kirchenrätin Cornelia Wolf:

All dies wäre nicht möglich gewesen ohne seine Frau, ohne dich, liebe Heidi. Du musstest damals als Pfarrfrau deinen Beruf aufgeben. Du hast dich als Pfarrfrau engagiert und warst ihm sicherlich immer ein wichtiger Ratgeber, eine Kraft, die ihm den Rücken gestärkt hat und auch freigehalten hat. Danke! Brigitte Schmidt, Mitglied des Kirchenvorstands und Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle möchte nun auch noch Erinnerungen an Pfarrer Sauermann mit uns teilen:

Biggi Schmidt:

Liebe Frau Sauermann, liebe Trauergemeinde,

ich bin traurig, dass Pfarrer Sauermann gestorben ist, ich bin aber auch dankbar für die große Leistung von Pfarrer Sauermann. Nun ist sein großer Traum in Erfüllung gegangen: Seit Januar 2017 ist die Gehörlosengemeinde anerkannt - endlich, fast 30 Jahre nach seinem ersten Brief ans Landeskirchenamt! Und es gibt endlich einen Kirchenvorstand, ich bin Mitglied des neuen Kirchenvorstands und möchte auch im Namen des Kirchenvorstands meinen Respekt und meine Hochachtung ausdrücken.

Ich erinnere mich: Ich war noch sehr jung und enttäuscht von der Bibel. Ich hatte eine falsche Vorstellung von der Bibel. Ich habe Pfarrer Sauermann gesagt: die Bibel ist falsch, alles Müll. Pfarrer Sauermann hat meine Not verstanden und mich zum Gespräch „verpflichtet“. Das war gut! Wir haben diskutiert und lange gesprochen. Auch mit Joachim Klenk, dem damaligen Jugendpfarrer. Mittlerweile habe ich eine Ausbildung zur Katechetin gemacht.

Ich weiß, es gibt viele gehörlose Menschen, die ihre eigene Geschichte mit Pfarrer Sauermann haben. Er hat uns gesehen und gefördert. Er suchte Gemeinschaft auf Augenhöhe und er hat in der hörenden Welt der Kirche für uns gekämpft. Und Pfarrer Sauermann war am Ende seiner Arbeitszeit noch bereit, DGS – die Deutsche Gebärdensprache - zu lernen Er hat verstanden: Kommunikation muss klappen in Augenhöhe.

Damals hat er auch eine Neuerung in Nürnberg eingeführt: Er hat den ersten Gebärdenchor gegründet. Alle Mitglieder der 1. Stunde sind heute hier und möchten gemeinsam mit Mitarbeitern und Kirchenvorstehern das Gebärdenlied Schalom gebärden. Frieden für dich, lieber Volker Sauermann.

Es schließt sich das Gebärdenlied "Schalom" in der ursprünglichen Version an ("bis wir uns wiedersehen")

Danach folgen weitere Nachrufe: Für die Dafeg Pastorin Systa Ehm, Hamburg und ein pantomimischer Nachruf von Jomi "Erschaffung der Erde".

Kirchenrat Matthias Derrer und
Kirchenrätin Cornelia Wolf







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